Ich sehe was, was du nicht siehst

Wer sich ein Bild von der Welt machen will, sollte sehen können - banal, aber eine der Voraussetzungen. Nun sind wir Menschen ja mit einem optischen Sinn ausgestattet, können also sehen, so wie viele andere Lebewesen außer uns auch. Wie die andere Sinne auch, funktioniert der Sehsinn, ohne dass wir ständig etwas dafür tun oder bewusst daran denken müssen. Ein Hintergrundprozess, könnte man sagen. Was dabei wirklich in der Zusammenarbeit zwischen Sinnesrezeptoren und Gehirn passiert ist so komplex, das die Wissenschaft bis heute noch keine annähernd vollständige Erklärung liefern kann.

Im Alltagsleben gehen wir unbewusst davon aus, dass das, was wir sehen, die Welt ist (zumindest ein Ausschnitt von der Welt) und unser Nebenan dasselbe sieht. Aber das muss nicht so sein. Ich denke hier nicht an die sog. Fehlsichtigkeiten, die durch optische Hilfsmittel korrigiert werden können oder an die sog. Farbenblindheit, sondern an nicht so augenfällige Unterschiede. Die Evolution (oder Gott?) haben unterschiedliche Arten der Sehmöglichkeiten geschaffen, die sich in besonderer Vielfalt bei anderen Lebewesen manifestiert haben. Manche Menschen sollen Klänge sehen können, Vögel sollen sogar die Erdmagnetfeldraster sehen können. Die Wissenschaft liefert Informationen zu den unterschiedlichen Sehmöglichkeiten in der belebten Natur; wir versuchen, uns das in unser Sehsystem zu übertragen; ob das Ergebnis zutreffend ist, wissen wir nicht.

Bei den Menschen wirken sich nicht nur die organischen Sehfähigkeiten auf das „ein Bild machen“ aus, sondern auch unser Wissen über und unsere moralische Einstellung gegenüber dem, was wir uns ansehen, auf das entstandene Bild aus. „Man sieht nur, was man weiß. Eigentlich: Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“ sagte schon Goethe. So erklären sich z.B. unterschiedliche Beschreibungen ein und desselben Bildes, aber auch unterschiedliche Reaktionen von Fotografen - einer macht ein Foto von etwas, weil er darin etwas Interessantes sieht, der andere geht achtlos vorbei und umgekehrt. So gesehen gibt es keine allgemein langweiligen Fotos; ich muss wissen, was der Fotograf gesehen hat. Interessant ist auch, das, wenn sich zwei Menschen dasselbe Foto ansehen, sie nicht alle abgebildeten Dinge gleich sehen oder manche Dinge auch von dem ein oder anderen gar nicht gesehen werden.

Wenn ich mir ein Bild von der Welt mache, so ist das wohl immer ein Bild meiner Welt. Andere machen sich ein Bild ihrer Welt. Im Alltag erreichen wir weitestgehend eine Übereinstimmung, die ein miteinander Leben ermöglicht. Wo das nicht so ist, kommt es zu Konflikten. Wir sollten auch nicht vergessen, das die anderen Sinne bei dem Bild machen mitwirken und auch die anderen Sinne wahrscheinlich unterschiedlich bei den Menschen ausgeprägt sein können/ausgeprägt sind.

(http://nerds-in-der-wildnis.de/die-unsichtbare-farbe/

https://schweinwerfer.at/wp-content/uploads/koennen_wildtiere_farbe_sehen.pdf

https://www.deutscher-jagdblog.de/tarnung-zur-jagd/)